Atomschutzbunker in Berlin unter der Story of Berlin im Kudamm-Karree mit Feldbetten fuer 4.000 Personen.

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Abtauchen in Berlins Unterwelten

Mit einem lauten „Klack“ fällt die Stahltüre ins Schloss. Unsere Gruppe steht in der düsteren Schleuse, durch die die Menschen im Fall eines Atomangriffs den Berliner Atomschutzbunker betreten würden. Kurz führt meine leichte Platzangst zu etwas Herzklopfen.

Die Schleuse, nur wenige Quadratmeter groß, dient der kontrollierten Aufnahme der Schutzsuchenden in den Bunker. Durch ein kleines Guckloch fällt Neonröhrenlicht. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie dahinter ein Wärter die Ankommenden zählt. Genau 3.592 Menschen finden hier Platz. Keine Person mehr. Es gilt das Prinzip „first come – first serve“. Oder, um es gemäß den Worten Gorbatschows zu sagen: „Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben“.

Außer dem Minifenster enthält die Schleuse eine Dusche. Wäre die Atombombe bereits explodiert, müsste jeder seine Kleidung ablegen und die Kontamination von der Haut waschen. Nackt betritt man dann den Bunker, wo einheitliche Trainingsanzüge auf einen warten.

Auch wenn wir unsere Klamotten anbehalten dürfen und die Türe sich Gott sei Dank problemlos öffnet – etwas Beklemmung kommt schon auf, als wir den unterirdischen Bunker betreten.

Der Atomschutzbunker der Story of Berlin unter dem Kudamm-Karree

Wir besichtigen den Atomschutzbunker im Anschluss an unseren Besuch im Erlebnismuseum Story of Berlin. Die Bunkeranlage befindet sich im zweiten Untergeschoss des Kudamm-Karree, direkt unter dem Museum und unmittelbar am belebten Kurfürstendamm.

⇒ Hier geht´s zu unserem Bericht über die Story of Berlin

Eingang zur Story of Berlin im Kudamm-Karree

1974 fertig gestellt, stammt der Strahlenschutzraum aus der Zeit des Kalten Kriegs. In den 70ern und 80ern war die Angst vor einem Atomangriff der Ostmächte auf Westberlin groß. Zumindest in der Berliner Bevölkerung. Denn die Bundesregierung selbst unterschätzte wohl die Gefahr und nahm es mit der Vorbereitung auf den Ernstfall nicht so genau. Laut Expertenmeinungen dienten die Berliner Bunker wohl eher dazu, die vom Warschauer Pakt umgebenen Westberliner zu beruhigen. Ob sie im Ernstfall das Überleben gesichert hätten, musste zum Glück nie bewiesen werden.

Auch heute wäre der Bunker (theoretisch!) noch funktionsfähig. Bis 2012 wurde er sogar jährlich hochgefahren und gewartet. Praktisch wäre er mit Sicherheit keine wirkliche Rettung in einem Atomkrieg.

Im Gegensatz zur Schweiz, wo noch heute jeder Bürger Zugang zu einem voll funktionsfähigen Schutzbunker haben soll, gibt es in Deutschland keine offiziell gewarteten öffentlichen Schutzräume mehr (Quelle und weitere Infos: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe).

Interessant und ein lebendiges Stück deutsche Geschichte sind die verbleibenden Bunker für uns allerdings trotzdem.

Wie sieht das Leben im Atomschutzbunker im Ernstfall aus?

Überleben im Atomschutzbunker – „Schöner wohnen“ geht anders

Betritt man den Bunker wird schnell klar, dass es hier nur ums reine Überleben geht. Von Lebensqualität und Privatsphäre keine Spur.

Der Bunker ist in blaues Licht gehüllt. Tatsächlich war die Beleuchtung früher Neonröhren-weiß. Das Blau dient laut unserem Guide einzig dem Gruselfaktor. Was aber gar nicht nötig wäre – denn beklemmend ist die Situation sowieso.

Wachraum im Atomschutzbunker unter der Story of Berlin im Ku'damm-Karree
Wachraum im Atomschutzbunker unter der Story of Berlin im Ku’damm-Karree

Genau 3.592 Personen und 16 Wachleute passen in den Atomschutzbunker. Genauso viele Feldbetten stehen bereit. In Etagen bis unter die Decken, in Reih und Glied. Ohne Decke, ohne Kissen, ohne Abtrennung zum Bettnachbarn.

Atomschutzbunker in Berlin unter der Story of Berlin im Kudamm-Karree mit Feldbetten fuer 4.000 Personen.
Feldbetten in Reih und Glied bis unter die Decke für genau 3.592 Menschen

Legt man die damalige Stadtbevölkerung zugrunde, hätten in allen ehemals 16 Westberliner Bunkern gerade mal ein Prozent der Bevölkerung Platz gefunden. Ausgelegt war der Bunker nur auf eine Nutzungsdauer von 14 Tagen. Bleibt das große Fragezeichen, ob und wie man danach im Falle eines Atomkrieges draußen überlebt hätte… Schutzkleidung oder Gasmasken wurden den Menschen jedenfalls nicht bereitgestellt.

Was braucht der Mensch zum überleben?

Die Versorgung mit Wasser, Strom, Lebensmitteln und Medikamenten im Bunker

Der Bunker war an das normale städtische Leitungsnetz angeschlossen, worüber die Versorgung mit Wasser und Strom funktioniert hätte. Wäre die Wasserversorgung in Berlin zusammengebrochen, konnte eine Brunnenanlage in Betrieb genommen werden. Und im Fall, dass auch das städtische Stromnetz ausgefallen wäre, hätte ein Notstromaggregat die Versorgung für Beleuchtung und Belüftung übernommen – für genau zwei Wochen. Danach öffneten sich automatisch die Tore nach draußen und der Bunker wäre geräumt worden.

Stromversorgung im Atomschutzbunker der Story of Berlin
Stromversorgung im Atomschutzbunker

Spezielle Luftfilter aus Sand und Aktivkohle dienten dazu, die eingehende Luft von Giftstoffen zu filtern.

Das Essen für die rund 4.000 Menschen wurde in zwei Küchen zubereitet und von dort verteilt. Lediglich 2,5 Liter Wasser durften pro Person und Tag verbraucht werden – inklusive Trinkwasser! Wie eine gerechte Zuteilung funktioniert hätte, weiß man heute nicht mehr (und vielleicht gab es dafür auch nie einen wirklichen Plan).

Im gesamten Bunker gibt es jeweils zwei Sanitärräume für Frauen und Männer. Ohne Duschen, ohne Klotüren und ohne Spiegel, deren Splitter zur Waffe hätten werden können.

Sanitaerraeume im Atomschutzbunker
Sanitärräume im Bunker. Zwei für Männer, zwei für Frauen.

Apropos Sicherheit. Der Bunker ist in zwei Hälften teilbar, um die Bewohner im Falle von Seuchen oder Ausschreitungen in „gut vs. böse“ oder „gesund vs. krank“ zu trennen.

Dass solche Probleme aufgetreten wären, ist keinesfalls abwegig. Man schätzt, dass sich der Bunker auf bis zu 40 Grad Lufttemperatur mit über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit aufgeheizt hätte. Krankheiten wären unvermeidbar gewesen. Ärzte und Pfleger waren im Versorgungskonzept nicht vorgesehen. In den beiden Krankenräumen standen als Medikamente nur Valium zur Ruhigstellung und Penizillin gegen so ziemlich alles andere zur Verfügung.

Wenn es an einem im Bunker nicht mangelt, sind es Telefone. Allerdings gibt es nur ein einziges Telefon, das Verbindung zur Außenwelt hat. Wohin diese Leitung führt, darf bis heute niemand wissen – die Information liegt unter Verschluss im Verteidigungsministerium.

Einem Bombenangriff hätte der Bunker übrigens nicht standgehalten, es handelte sich tatsächlich nur um einen Strahlenschutzbunker.

Eintrittspreise, Öffnungszeiten und Dauer der Atombunker-Führung

Die Führung durch den Atomschutzbunker ist bereits im Eintrittspreis ins Erlebnismuseum Story of Berlin enthalten (Normalpreis 12 EUR, alle weiteren Vergünstigungen in unserem Artikel über die Story of Berlin).

Sie dauert circa eine halbe Stunde, für das Museum sollte man zusätzlich rund zwei Stunden Zeit einplanen.

Die Führung findet jeden Tag stündlich zwischen 10 und 18 Uhr statt.

Adresse: Im Kudamm-Karree am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 207-208

Die Zukunft des Atomschutzbunkers unter dem Kudamm-Karree

Wie die Story of Berlin, steht auch der Atomschutzbunker vor einer unsicheren Zukunft. Wahrscheinlich wird dieses Stück Berliner Geschichte den Sanierungs- und Umbaumaßnahmen im Kudamm-Karree zum Opfer fallen. Sobald wir genaueres wissen, werden wir die Infos hier ergänzen.

Es gibt in Berlin aber noch weiter Bunker, die bis heute besichtigt werden können:

Weitere Unterwelten-Touren in Berlin

Der Verein Berliner Unterwelten e.V. bietet verschiedene Führungen durch die Bunker im U-Bahnhof Gesundbrunnen, zur Flakbunkerruine Humboldthain oder zum Fluchttunnel unter der Berliner Mauer im Bereich der Bernauer Straße an.

Berlin Tipps von Insidern

▶ Du willst nicht nur den Atomschutzbunker, sondern auch die Story of Berlin besuchen? Dann geht´s hier lang zu unserem Bericht über das Erlebnismuseum.

Die Story of Berlin mit Atomschutzbunker direkt am Kudamm
Die Story of Berlin mit Atomschutzbunker direkt am Kudamm
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6 Comments

  1. Liebe Lisa,
    was für ein interessanter und lehrreicher Bericht. Ich glaube, am schwierigsten ist es, dass man keine Privatsphäre hat und aufeinander hockt. Da kann ich mir durchaus vorstellen, dass es Auseinandersetzungen gibt.
    Liebe Grüße, Selda.

    1. Hallo Selda, ja das ist wohl wahr. Die Belastung wäre ja ohnehin kaum auszuhalten, da ja niemand weiß was draußen vor sich geht, evtl. befinden sich Familienmitglieder noch in Gefahr, wie sieht die Zukunft aus, etc. Man will sich dieses ganze Szenario gar nicht aus- bzw. weiterdenken.
      Umso mehr sträuben sich mir die Nackenhaare, wenn wieder irgendein Irrer in der Welt mit dem Eisatz von Atombomben droht!
      Liebe Grüße, Lisa

  2. Krass! Danke für den Einblick! So eine Tour kommt auf jeden Fall mit auf die Liste für den übernächsten Berlin-Trip, wenn unsere Jungs beide in einem Alter sind, in dem sie das vernünftig verarbeiten können. Ich glaube, da muss man wirklich drin gewesen sein, um eine Vorstellung zu bekommen, wie sich das im Ernstfall anfühlen könnte…

    1. Hey Lena, gerne! Freut uns, dass wir euch Inspiration liefern konnten :-). Stimmt, wir haben uns über Schutzbunker vorher nie groß Gedanken gemacht – vor allem war mir nicht bewusst, dass sie bis vor nicht allzu langer Zeit ja tatsächlich noch gewartet wurden…
      Viele Grüße, Lisa

  3. Au Backe! Ich hoffe ja, dass wir solche Zeiten nicht durchmachen müssen. Ich finde auch die 16 Wachleute für die fast 4000 Personen sehr bescheiden. Und nach 14 Tagen ist die Welt draussen ja nicht besser geworden?!
    Schöner Artikel zu einem beängstigenden Thema!
    Lg Miriam

    1. Danke, Miriam! Das stimmt, uns war auch ganz mulmig nach dem Besuch. Anderswo in Deutschland wären die Menschen danach anscheinend mit Bussen aus der Gefahrenzone gebracht worden. Aber ob ein „weit weg“ im Kriegsfall für die Westberliner möglich gewesen wäre?
      Liebe Grüße, Lisa

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